Der Handwerker weiĂ, was er kann, was er dafĂŒr bekommt und welche Anerkennung ihm zusteht. Doch der VergĂŒtungsstandard erodiert schleichend, wĂ€hrend die soziale Rolle immer stĂ€rker betont wird. Genau das ist IdentitĂ€tsmissbrauch und wird von den Betroffenen auch so erlebt, wenn auch nicht offen angesprochen.
Die Folge: Der Stand wird auf Dauer unattraktiv. Der Handwerker bricht aus seiner Habitualisierung aus â und ihm gelingt das auch - nach Phasen kĂŒnstlicher IdentitĂ€tsbekrĂ€ftigung und einem Wettlauf um Strukturkonsolidierung und Zentralisierung.
Am Ende ist eine neue WertschĂ€tzung fĂŒr Exzellenz doch unausweichlich, um eine adĂ€quate Versorgung des Marktes aufrechtzuerhalten.
Der Mechanismus im Detail â vom Handwerker bis zur Gesellschaft
Stellen wir uns einen Schreinermeister in den 1980er-Jahren vor. Sein Leistungsprofil war klar: prĂ€zise MaĂarbeit, zuverlĂ€ssige Termine, langlebige Möbel. DafĂŒr erhielt er einen VergĂŒtungsstandard, der ihm und seiner Familie ein solides Auskommen sicherte, und eine soziale Rolle, die Respekt einbrachte â âder Meisterâ. Habitualisierung war vollzogen. Ăber die Jahrzehnte erodierte die VergĂŒtung: Steigende Materialkosten, bĂŒrokratische Auflagen, Konkurrenz durch Billigimporte und eine Politik, die âHandwerkâ als kulturelles Erbe pries, aber die realen Stundenlöhne real schrumpfen lieĂ. Gleichzeitig wurde die soziale Rolle immer lauter beschworen: âHandwerk hat goldenen Bodenâ, âWir brauchen wieder mehr Meisterâ. Das war IdentitĂ€tsmissbrauch in Reinform. Die Rolle wurde aufgeblasen, wĂ€hrend die ökonomische Grundlage bröckelte.
Irgendwann wurde der Stand unattraktiv. Junge Leute mieden die Lehre, erfahrene Meister verkauften ihre Betriebe oder stellten um. Hier setzt die Enthabitualisierung ein. Der Einzelne bricht aus. Er wechselt in die Industrie, macht sich in einer Nische selbststĂ€ndig oder verlĂ€sst das Land. Doch bevor das massenhaft gelingt, kommen die Phasen kĂŒnstlicher IdentitĂ€tsbekrĂ€ftigung: Förderprogramme, Imagekampagnen, Pflichtmitgliedschaften in Kammern, die den âStolz auf den Berufâ beschwören. Parallel lĂ€uft der Wettlauf um Strukturkonsolidierung und Zentralisierung: Innungen fusionieren, QualitĂ€tsstandards werden vereinheitlicht, politische Lobbys fordern staatliche Absicherung.
Am Ende dieses Prozesses steht â wenn der Ausbruch gelingt â eine neue WertschĂ€tzung fĂŒr Exzellenz. Diejenigen, die geblieben oder neu eingestiegen sind, arbeiten wieder mit einem zuverlĂ€ssigen Leistungsprofil: digital gestĂŒtzte Fertigung, absolute Termintreue, maĂgeschneiderte Lösungen, fĂŒr die Kunden bereit sind, deutlich mehr zu zahlen. Der alte Standard ist passĂ©; Exzellenz wird neu definiert und neu vergĂŒtet.
Dieser Zyklus ist kein Sonderfall des Handwerks. Er gilt fĂŒr jeden Leistungsbereich, in dem Profil, VergĂŒtung und Rolle einmal fest verknĂŒpft wurden. Was gestern Standard war, kann morgen Exzellenz sein â und umgekehrt. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen manipulativ-opportunistischen IdentitĂ€tsstiftungen (gerichtet auf ausbeuterische Zwangskollektivierung) und organisch-evolutionĂ€ren (die nachhaltige QualitĂ€t sichern). Nur die letzteren ĂŒberleben den Zyklus.
Politiker haben das Spiel lÀngst privat verinnerlicht
Politiker leugnen den Mechanismus öffentlich, haben ihn privat aber lĂ€ngst verstanden. Wo es geht, nutzen sie private Krankenversicherungen und Privatschulen. Sie wissen, dass der öffentliche Standard erodiert ist, wĂ€hrend die soziale Rolle âBĂŒrgerversorgungâ oder âBildungsgerechtigkeitâ immer lauter betont wird. IdentitĂ€tsmissbrauch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Die öffentliche Rhetorik hĂ€lt die Habitualisierung kĂŒnstlich aufrecht; das private Handeln zeigt, dass der Ausbruch bereits vollzogen ist.
Wer sich am durch sozialistische Verschwendung heruntergedrĂŒckten Lohnniveau bereichert, hĂ€tte am ehesten die Pflicht, auf private Exzellenzangebote zu verzichten â oder die Diskrepanz offen zuzugeben. Doch gerade von dieser Heuchelei lebt die Politik. Sie verlĂ€ngert damit den schmerzhaften Prozess der Enthabitualisierung und der allgemeinen Unterversorgung.
Warum die Anbindung von Leistungsprofilen an IdentitÀten scheitert
Die langfristige Kopplung von Leistungsprofil und kollektiver IdentitĂ€t ist keine Lösung. Sie fĂŒhrt unweigerlich zur Erosion der VergĂŒtung bei gleichzeitiger AufblĂ€hung der Rolle. Menschen sind bereit, Dinge loszulassen, die sich nicht mehr rechnen. Die einen machen im Nivellierungswettlauf mit und halten an der alten Rolle fest; die anderen lassen los und brechen aus. Verantwortbarkeit entsteht erst, wenn der Unterschied zwischen StandardvergĂŒtung und ExzellenzvergĂŒtung wieder klar gezogen wird. Das System weiĂ Leistung nicht mehr zu schĂ€tzen â genau weil es die Habitualisierung kĂŒnstlich verlĂ€ngert. Das muss sich Ă€ndern.
Das Verkehrssystem als LehrstĂŒck
Ein aktuelles Beispiel liefert die Verschlechterung und Verteuerung des Verkehrssystems durch grĂŒne Politik. PĂŒnktlichkeit, ZuverlĂ€ssigkeit und flĂ€chendeckende Erreichbarkeit waren einmal Standardleistungsprofil eines öffentlichen Verkehrsunternehmens, verknĂŒpft mit entsprechender VergĂŒtung der Mitarbeiter und der sozialen Rolle âDaseinsvorsorgeâ. Die VergĂŒtung erodierte (reale Kaufkraft der GehĂ€lter, Investitionsstau), die Rolle wurde immer lauter beschworen (âKlimaschutzâ, âMobilitĂ€tswendeâ). IdentitĂ€tsmissbrauch. Die Folge: Der Stand wird unattraktiv â fĂŒr Fahrer, fĂŒr Ingenieure, fĂŒr Nutzer.
Hier hilft nur mehr eines: Den Finger erbarmungslos in die Wunde legen und die klare Forderung nach der Anrechnung der Pendelzeit auf die Arbeitszeit.
Falsche KontinuitÀtserwartungen
Wenn der Lohn die realen Kosten und den Zeitaufwand nicht mehr deckt, entfĂ€llt die Rechtfertigung, fĂŒr Unternehmen zu arbeiten, die einem nicht gehören.
Gerade konservative Unternehmer mĂŒssen hier klar Position beziehen: sind sie bereit sich uneingeschrĂ€nkt gegen das verschwenderische und korrupte System zu stellen oder sind sie bereit, ihr Unternehmen auf jene aufzuteilen, die ohne eine solche Beteiligung keinen wirtschaftlichen Anreiz mehr haben, fĂŒr eben dieses zu arbeiten?
Konsequenzen der NichtberĂŒcksichtigung
Wird der Mechanismus ignoriert, lösen sich Strukturen auf â einschlieĂlich Sicherheitsstrukturen. Von Tugendphantasien beseelte konservative Unternehmer bauen einen wirtschaftlichen Unfall nach dem anderen, weil sie an der alten Rolle festhalten, wĂ€hrend die VergĂŒtung lĂ€ngst erodiert ist. Andere erkennen systemadĂ€quate Leistungsprofile und verlagern Produktionen. Doch eine Verlagerung gleicht einer Startup-Situation in fremdem Land: Die Risiken des Scheiterns sind hoch. Es ist wahrscheinlicher, dass ein migrierendes Unternehmen bankrottgeht, als dass ein migrierender Arbeitnehmer dauerhaft bankrottgeht. Der Einzelne kann die Enthabitualisierung vollziehen; die Organisation trĂ€gt höhere Kosten.
Sprungmarken und die Gefahr absoluter Vorstellungen
Systemeinwirkung wird besonders wirksam, wenn durch soziale Bindungen begrĂŒndeter Konformismus auf neue Generationen trifft, die den IdentitĂ€tskosten des alten Konformismus nicht mehr verpflichtet sind. Das sind die Sprungmarken. An ihnen entscheidet sich, ob der Ausbruch gelingt.
Das GefĂ€hrlichste fĂŒr ein Unternehmen sind linke FĂŒhrungskrĂ€fte, die von absoluten Gerechtigkeitsvorstellungen ausgehen, und konservative FĂŒhrungskrĂ€fte, die von absoluten Tugendvorstellungen ausgehen. In Deutschland und Ăsterreich â dank des rot-schwarzen Proporzes â dominieren genau solche Profile. Der Pleitegeier lĂ€sst grĂŒĂen.
Absolute Gerechtigkeit will die erodierte VergĂŒtung durch Umverteilung ersetzen und die Rolle noch stĂ€rker betonen; absolute Tugend will die alte Habitualisierung moralisch retten. Beides verlĂ€ngert den IdentitĂ€tsmissbrauch und verzögert die notwendige Enthabitualisierung.
Die Angst von Tyrannen vor Ărzten illustriert denselben Punkt: Diejenigen, die man zuvor schikaniert und deren Leistungsprofil man entwertet hat, halten plötzlich die Macht ĂŒber die eigene Gesundheit in den HĂ€nden. Der Ausbruch ist vollzogen â und die alte Machtstruktur steht nackt da.
Die Dummheit der Ceteris-paribus-Konservativen und das Spiel mit der Ablenkung
Die Ceteris-paribus-Konservativen reden einander ein und lassen sich einreden: Wenn du auf einer morschen Holzleiter herumkletterst, um brav fĂŒr dich und andere Ăpfel zu pflĂŒcken, wird dir nichts passieren, weil du tugendhafte Absichten verfolgst.
Die Wahrheit lautet anders: Wenn du auf die Fresse fĂ€llst, bist du eindeutig selber daran schuld â unabhĂ€ngig von den noblen Absichten, von denen du abgelenkt warst. Die Leiter war morsch; die Betonung der tugendhaften Rolle Ă€ndert nichts an der Physik. Das ist IdentitĂ€tsmissbrauch in Reinform.Das gefĂ€hrliche Spiel mit der Ablenkung dient der Verhinderung der Auflösung.
Gelenkte Unzufriedenheit und Spaltung wirken wie kurzschlieĂende Blitzableiter. Die Spaltung zwischen MĂ€nnern und Frauen löst soziale Strukturen auf und beschleunigt durch Ăberalterung den demografischen Niedergang. Die Spaltung zwischen Migranten und Einheimischen fördert Stammesdenken, Gewalt und eine Kultur des Misstrauens, die Wirtschaft zersetzt. Der Ă€uĂere Feind wird zur unfinanzierbaren inneren BewĂ€hrungsprobe.
Konsolidierende und homogenisierende ZusammenschlĂŒsse, die den eigentlichen Mechanismus â Erosion der VergĂŒtung bei Betonung der Rolle â nicht anfassen, zersetzen das, was sie vorgeblich bewahren wollen.
Der eigentliche Lösungsweg - mit dem Paradoxen konstruktiv umgehen
Die Paradoxie ist offensichtlich: Wo radikal gespart werden mĂŒsste, kann aufgrund der Uneinsichtigkeit des politischen Systems am wenigsten gespart werden.
Das Gegenmittel ist relatives Einsparen. Schaffung neuen Investitionsbedarfs, Ausweitung des Premium-Leistungskatalogs und massive Ausweitung der Ausgaben relativieren den Wert alter Schulden. DafĂŒr muss die Bereitschaft massiv steigen, Geld aus der Hand zu geben, um sich aus altbekannten und ganz neuen unvorhergesehenen Krisen herauszuinvestieren â auch um den Preis maximaler wirtschaftlicher VolatilitĂ€t.
Es steht viel auf dem Spiel.
PreisaufschlĂ€ge fĂŒr Exzellenzleistungen werden unvermeidlich. Leistungsdifferenzierung beginnt bei der Semantik. Hexendoktoren aus der dritten Welt, die gĂŒnstige Behandlungen durchfĂŒhren, lassen sich als Heilpraktiker mit altem Wissen und sanften Methoden inszenieren. Die sanftmĂŒtige Verschleierung verschlechterter Versorgung zu alten Preisen erleichtert die Neubewertung.
Keine Angst vor dem Marktmechanismus.
Eine höhere Inflation kann bedeuten, dass die WertschĂ€tzung fĂŒr Exzellenz neu entdeckt werden muss â ein Vorgang, bei dem alle mithelfen können. Zehn Jahre mit 20 Prozent Inflation sind keine Katastrophe, wenn sie die relativen Preise so verschieben, dass der Unterschied zwischen erodiertem Standard und neuer Exzellenz wieder sichtbar wird.
Praktische Konsequenzen
Allgemein gilt fĂŒr Produzenten: Jeder muss anfangen zu ĂŒberlegen, welche seiner Leistungen von der gebotenen Kaufkraft noch als Standardleistung gedeckt sind und welche als Exzellenzleistung kĂŒnftig wegfallen oder gesondert zu vergĂŒten sind. Das muss insbesondere in Haftpflicht- und Kunstfehlergesetzen berĂŒcksichtigt werden. Keine Erleichterungen sollen jenen zugute kommen, die Exzellenz deklarieren und trotzdem nur den alten, erodierten Standard liefern.
Allgemein gilt fĂŒr Konsumenten: Sie werden bis zu einem gewissen Grad akzeptieren mĂŒssen, dass bei jedem fĂŒnften VW bei unpassenden Gelegenheiten die RĂ€der abfallen oder dass ein Bayer-Aspirin gelegentlich mehr Schmerzen verursacht, als es lindert â sofern der Preis dem erodierten Standard entspricht. Wer das höhere Leistungsprofil will, zahlt den Aufschlag. Die ĂŒberkommene Habitualisierung endet, wenn diese Unterscheidung Alltag wird.
Eine bessere Welt ist nicht mehr fern
Das Enthabitualisierungsproblem wirkt durch die Zeit und erzeugt Sprungmarken, auf die wir uns vorbereiten mĂŒssen. Ein Zeitalter der Nivellierung und Kommodifizierung endet. Der Handwerker, der aus der erodierten VergĂŒtung und der aufgeblasenen Rolle ausbricht, schafft am Ende ein höheres Leistungsprofil â und damit eine neue WertschĂ€tzung fĂŒr Exzellenz. Dasselbe gilt fĂŒr Ărzte, Ingenieure, Lehrer und Unternehmer.
Wir alle können mithelfen, dass diese WertschĂ€tzung rechtzeitig genug wieder neu entdeckt wird. Indem wir den IdentitĂ€tsmissbrauch benennen, kĂŒnstliche BekrĂ€ftigungen durchschauen, den Wettlauf um Zentralisierung nicht mitmachen und den Ausbruch aus der Habitualisierung zulassen. Am Schluss steht nicht Chaos, sondern ein klareres Leistungsprofil und die Bereitschaft, es angemessen zu vergĂŒten.
Der Mechanismus ist kein Schicksal. Er ist ein wiederkehrendes Muster, das man erkennen und in Richtung neuer Exzellenz lenken kann.





